Der „Schweinedom“ – ein Dresdner Wahrzeichen wartet auf seine Auferstehung

Dresdner Neueste Nachrichten (DNN) vom 12. Oktober 2020:

36,1 Hektar Fläche. 68 Einzelgebäude. Der Städtische Vieh- und Schlachthof zählte im Eröffnungsjahr 1910 zu den größten Anlagen seiner Art Europas. 1995 wurde die Einrichtung stillgelegt. Die städtische Tochtergesellschaft Stesad GmbH hat sehr intensiv die Nachnutzung des Areals betreut und begleitet. Jetzt gibt es nur noch eine große Liegenschaft, die saniert werden muss: das ehemalige Kessel- und Maschinenhaus mit seinem markanten Turm, den der Volksmund „Schweinedom“ nennt. Für das Wahrzeichen des Schlachthofgeländes gibt es Pläne.

Gebäude soll für kommunale Zwecke genutzt werden

Markus Kluge, Abteilungsleiter Stadtentwicklung bei der Stesad, steht vor einer Herausforderung. Auch wenn der Turm das Grundstück dominiert – mit 12 000 Quadratmetern handelt es sich um eine große Fläche, die sich im Besitz der DGI GmbH befindet, einer Tochter des städtischen Konzerns Technische Werke Dresden. „Es ist seit vielen Jahren Konsens, dass diese Liegenschaft nicht an Dritte veräußert wird, sondern für kommunale Zwecke genutzt werden soll“, beschreibt Kluge das Ziel.

Die Messe GmbH hat Interesse an der Liegenschaft angemeldet. „Das war für die DGI und uns Anlass, uns das Gebäude genauer anzusehen.“ Zwischen 1906 und 1910 ist das ehemalige Kessel- und Maschinenhaus als Stahlbeton-Skelettbau errichtet worden. Jahrzehntelanger Leerstand hat an der Bausubstanz genagt. Im ersten Halbjahr 2020 hat die Stesad zusammen mit dem Dresdner Architekturbüro Hahn + Kollegen in Auftrag eine Entwicklungsstudie erarbeitet.

Turmhaube bereits erneuert

Im Vorgriff auf den großen Wurf hatte die DGI bereits im vergangenen Jahr die Turmhaube sanieren lassen. „Es bestand Einsturzgefahr, wir mussten handeln“, so der Stesad-Abteilungsleiter. Der Denkmalschutz habe die Arbeiten begleitet und sich mit Fördermitteln finanziell an der Sanierung beteiligt.

Fast alle Gebäude unter Denkmalschutz

Der Denkmalschutz sitzt auch beim Sanierungskonzept für das gesamte Areal mit im Boot, das neben dem Erlweinturm auch noch Werkstattgebäude, einen Lokschuppen und eine Elektrowerkstatt umfasst. „Die meisten Gebäude sind denkmalgeschützt“, so Kluge. Nicht denkmalgeschützte Anbauten wurden bereits vor einigen Jahren abgerissen.

Maschinenhaus machte Schlachthof autark

Das prägendste Element des Kessel- und Maschinenhauses ist der große Raum im Erdgeschoss, in dem früher Dampfmaschinen und Generatoren standen. „Hier wurden Strom, Wärme und Kälte erzeugt“, weiß Kluge, im Turm waren dagegen die Behälter für Warm- und Kaltwasser untergebracht. Der Erbauer Hans Erlwein habe das Schlachthofgelände so konzipiert, dass es völlig autark funktionieren konnte. Das Farbkonzept der Gebäude sei bis ins kleinste Detail ausgeklügelt gewesen. „Das ist Städtebau vom Feinsten“, bringt es der Abteilungsleiter auf den Punkt.

Herausforderung: Umbau für zeitgemäße Nutzung

Der Stesad sei die Bedeutung des Gebäudeensembles für das gesamte Gelände sehr klar. Die Herausforderung bestehe darin, Industriegebäude für zeitgemäße Nutzungen umzubauen. Die Grundrisse sind schwierig, die Deckenhöhen anspruchsvoll, es gibt noch mehrere Anbauten ohne Denkmalschutz. „Wir haben für das gesamte Areal ein Nutzungs- und Raumkonzept aufgestellt“, so Kluge.

Plan: Messe-Erweiterung und Vereinszentrum

Den Plänen zufolge soll die Messe GmbH viel Platz für eine Erweiterung erhalten. Gleichzeitig soll im Turm ein Begegnungszentrum für Vereine entstehen, die sich in der Migrationsarbeit betätigen. „Es war der Wunsch der Stadt, dieses Zentrum mit zu integrieren“, erklärt der Abteilungsleiter. Hauptnutzer werde aber die Messe, die in den Werkstattgebäuden ein Cateringzentrum mit Küchen, Lager, Logistikzentrum und Büros unterbringen könnte.

Mit dezent gehaltenen Anbauten könnten die bestehenden Gebäude stärker betont werden, findet Kluge. Gleichzeitig sollen nicht denkmalgeschützte Anbauten abgerissen werden. Die Maschinenhalle soll zum Veranstaltungs- und Messeraum umgebaut werden und eine wettergeschützte Verbindung zur Messehalle 1 erhalten. „Wir wollen das Gelände als einen Campus verstehen.“ Foyers und Eingangsflächen sollen ebenso ihren Platz finden wie Technikräume, Lüftungsanlagen sowie neue Konferenz- und Seminarsäle.

Wenige Fenster erschweren die Nutzung

In den Vollgeschossen des Turmes könnten Büroflächen für das Begegnungszentrum entstehen. „Es ist ein durchaus anspruchsvolles Bauwerk“, schätzt Kluge ein. Die Kubatur sei verschachtelt, wegen der ursprünglichen Nutzung gebe es nur wenige Fenster. „Diesen Herausforderungen müssen wir uns planerisch annähern.“

Und die Pläne auch finanziell untersetzen. „Wir werden verhältnismäßig hohe Baukosten haben“, weiß Kluge. Wie hoch, möchte er noch nicht abschließend beziffern. „Das wäre nicht seriös, weil wir noch nicht wissen, wann wir bauen können.“ Sicher sei aber: „Es wird nicht ohne maßgebliche Zuschüsse gehen.“ Eine Refinanzierung allein durch Mieten sei angesichts der zu erwartenden hohen Kosten unwahrscheinlich.

Baukosten hoch, Finanzierung unklar

Die Stesad sieht als potenzielle Geldquellen Gelder der Denkmalpflege sowie Städtebaufördermittel. „Das ist ein Bauwerk von nationaler Bedeutung, deshalb hoffen wir auf Bundesmittel“, so Kluge. Dresden definiere außerdem gegenwärtig mehrere neue Stadtentwicklungsgebiete. Wenn das Ostragehege mit dabei ist, könnten auch Mittel aus Stadterneuerungs-Programmen fließen.

„Erst wenn es ein schlüssiges und tragfähiges Finanzierungskonzept gibt, können DGI und Stesad konkreter planen“, so Kluge. Könnte die Stesad beispielsweise die Planungen noch in diesem Jahr ausschreiben, dann könnte die städtische Gesellschaft das Objekt bis Ende 2024 fertigstellen. „Dazu brauchen wir den gemeinsamen Willen aller Beteiligten, etwas aus dieser Liegenschaft zu machen“, sagt Kluge. Er verweist auf den fantastischen Blick vom Turm. Der Betrachter sieht ein fertig saniertes Ostragehege – wenn der Turm eines Tages öffentlich zugänglich ist.

Fotos: STESAD GmbH

Zurück